Warum sich sportliches Training positiv auf deine MS auswirken kann!

Habt ihr schon mal was von Neurotrophe Faktoren gehört? Um ehrlich zu sein, ich bis vor ein paar Wochen auch noch nicht! Ich habe vor kurzem an einer Kompaktschulung sportliches Training bei MS von der DMSG und der Hochschule Fresenius teilgenommen. Erst war ich mir nicht sicher ob das überhaupt etwas für mich ist, da ich ja schon sehr sportlich aktiv bin und ich auch (toi toi toi) nicht körperlich eingeschränkt bin. Ein bisschen Bammel hatte ich schon was mich dort erwartet.

In den ersten 2 Tagen habe ich viel über sportliches Training bei MS gelernt. Viele neue Themen sind auf den Tisch gekommen, die mir vorher nicht so bewusst waren und mit denen ich mich auch nicht auskannte. Was mich aber mehr schockiert hat, waren die Aussagen mancher Ärzte, die meine Mitstreiterinnen zu hören bekommen haben, oder von denen unsere Dozentin aus anderen Kursen berichtet hat.

Sportliches Training bei MS kann deinen Krankheitsverlauf positiv beeinflussen!

Über Multiple Sklerose, ihren Verlauf und ihre Symptome muss ich euch ja nichts mehr erzählen, denn ihr seid ja schon Profis, wer dennoch eine Auffrischung braucht, kann hier noch einmal das wichtigste nachlesen. Einen kleinen Exkurs zum Thema Nerven, müssen wir jedoch machen, damit ihr versteht, was beim sportlichen Training bei MS passiert.

Unser Nervensystem besteht aus dem zentralen Nervensystem (ZNS), welches das Gehirn und das Rückenmark umfasst und einem peripheren Nervensystem, welches aus den übrigen Nerven gebildet wird. Durch die peripheren Nerven, werden Informationen und Reize zum Rückenmark und Gehirn weitergeleitet, wo die Informationen verarbeitet werden. Die verarbeitete Information wird nun als Befehl über das periphere Nervensystem an beispielsweise die Muskeln weitergeleitet. Unsere Nerven sind also die Informationsüberbringer im Körper und steuern alle Abläufe. Ist der Informationsfluss gehemmt oder verlangsamt, so kommen die Informationen nur langsam oder nur teilweise bspw. im Muskel an und dieser kann nicht richtig Arbeiten. Die Bewegung wird also nicht richtig ausgeführt. So kommt es evtl. zu einer nicht flüssigen oder gehemmten Bewegungsausführung.

sportliches Training bei MSSchauen wir uns noch die Nerven etwas genauer an. Die Nervenzelle besteht aus einem Zellkern, Soma, Dendriten (sind für die Reizaufnahme zuständig), einem Axon (Zuständig für die Reizweiterleitung) und den Synapsen (Zuständig für die Reizübertragung an andere Nervenzellen oder die Erfolgsorgane z.B. Muskeln). Die Axone sind von einer Myelinschicht umgeben, die den Nerv isoliert und die Reizweiterleitung beschleunigt.  Ist die Myelinschicht beschädigt, so wird der Reiz nur sehr langsam durch das Axon weitergeleitet.

Bei MS entstehen genau an diesen Myelinschichten entzündliche Reaktionen, welche die Isolierschicht beschädigt. Damit wird die beschleunigte Reizweiterleitung beeinträchtigt. Dies führt zu einer Verzögerung bis hin zu einem kompletten Stillstand der Reizweiterleitung. Die Informationen/Befehle aus dem Gehirn oder Rückenmark können durch die Beschädigung nur noch verlangsamt bis gar nicht weitergeleitet werden.

Jetzt kommen wir zum interessanten Teil und zur Erkenntnis, warum sportliches Training bei MS so wichtig ist!

Beim gesunden Menschen, werden nun Reparaturmechanismen eingeleitet, die die Myelinschicht wieder herstellen. Wird die beschädigte Myelinschicht jedoch vom Körper abgebaut, werden sog. Nervenwachstunsfaktoren in Kraft gesetzt, die beim Wiederaufbau mithelfen. Bei MS Patienten ist die Bereitstellung der Nervenwachstumshormone (Neurotrophe Faktoren) gehemmt, somit kann die Reparatur der beschädigten Nerven nicht vollständig erfolgen. Neben den Reparaturmechanismen gibt es noch eine weitere Form der Selbstheilung der Nerven – die Reinnervation (erneute Nervenversorgung). Ist ein Nerv derart stark beschädigt, dass er nicht mehr repariert werden kann, so bilden sich seitliche Aussprossungen. Dadurch wird die Versorgung durch benachbarte Nerven übernommen. Auch die erneute Nervenversorgung ist von den Nervenwachstumsfaktoren abhängig.

Habt ihr gewusst, dass wir die beschädigten Nerven durch sportliches Training wieder regenerieren können?

Viele MS Patienten sind wenig sportlich aktiv. Fatigue, das Uhthoff-Phänomen oder auch eine eingeschränkte Beweglichkeit führen dazu, dass sie sich weniger sportlich betätigen als gesunde Menschen. Dabei kann sportliches Training bei MS helfen, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Die ungenügende Aktivität kann schneller zu Einbußen von Kraft, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit führen. In vielen Ratgebern werden bestimmte sportliche Aktivitäten bei MS empfohlen, wie beispielsweise Aqua-Fitness, Yoga, Farradfahren, Hippotherapie, Schwimmen, Nordic Walking. Leider fehlt in den meisten Lektüren eine genaue Erläuterung der Wirkungsmechanismen. Natürlich ist jede Art von Bewegung besser als gar keine Bewegung. Aber ein gezieltes Training kann dem Voranschreiten der Krankheit wirksamer entgegen steuern.

Beim sportlichen Training bei MS wird empfohlen, Sportarten auszuüben, bei denen das eigene Körpergewicht getragen werden muss, die natürlich Bewegungen enthalten und bei denen Reflexe ausgelöst werden. Bewegungen, die eine Laufbewegung enthalten, sind daher besonders geeignet. Der gesamte Bewegungsapparat wird gefordert, es gibt verschiedene Reize, die verarbeitet werden müssen und man muss sein eigenes Körpergewicht tragen. Eine perfekte Laufbewegung ist dafür nicht erforderlich!

Sehr gut geeignet ist dafür ein varianzbasiertes Gangtraining. Das Training beinhaltet koordinative Übungen, die das Nervenzusammenspiel fördern. Indem wir die Bewegungen in verschiedensten Formen ausführen, setzten wir immer wieder neue Reize. Mit diesen Übungen können wir unseren Bewegungsspielraum erweitern. Untersuchungen gehen davon aus, dass durch das Ausüben von verwandten Bewegungen, eine individuelle und optimale Technik entwickelt wird, die zu einer Verbesserung der Zielübung führt.

Wie kann ich mein Gangbild mit sportlichem Training verbessern?

In einer Physiotherapie wird genau das Gegenteil geübt. Hier wird gezielt die natürliche Gangbewegung trainiert. Patienten fällt dies oftmals schwer, das natürliche Gangbild auszuführen, da sie durch eine Lähmung eine “Schonhaltung” eingenommen haben und sich ein verändertes Gangmuster eingeprägt hat. Patienten sind oftmals frustriert, wenn sie die Übungen in der Therapie nicht richtig ausführen können. Beim varianzbasierten Gangtraining werden verschiedene Gangbewegungen ausgeführt, nur nicht normal. In einem meiner nächsten Beiträge werde ich noch genauer auf das varianzbasierte Gangtraining (VGT) eingehen.

Wie können wir die Ausschüttung Neurotropher Faktoren beeinflussen?

Bewegungen aktivieren die Nerven und das schütz sie vor einem Abbau. Nerven die nicht aktiviert werden werden nach einiger Zeit von unserem Körper abgebaut. Aktivieren wir jedoch die Nerven, führt dies zu einer Ausschüttung von Nervenwachstumsfaktoren (Neurotrophe Faktoren). Wichtig für die Ausschüttung der Neurotrophen Faktoren (NF) ist, dass wir in unserem Training Reize setzten. Dies geschieht am besten, bei einem varianzbasierten Gangtraining, Joggen, Ballsportarten, Nordic Walking, Tanzen, Gymnastik etc.

Wichtig für das Training ist, dass es Koordinativ ist, man sein eigenes Körpergewicht trägt und Reize gesetzt werden. Bewegungen im Wasser beispielsweise führen nur zu einer sehr geringen Ausschüttung der NF. Genau wie das Training auf dem Ergometer oder dem Crosstrainer ist die Wirkung auf das Nervensystem nicht so hoch wie beispielsweise beim Joggen. Hierbei sollte man auf Abwechslung setzen um neue Reize zu generieren. Verschiedene Untergründe oder das Wechseln der Geschwindigkeit sorgen für Abwechslung im Ausdauertraining.  Außerdem sollte regelmäßiges Krafttraining auf dem Plan stehen. Beim Krafttraining werden die Muskeln und Nerven und deren Zusammenspiel aktiviert, welches die Ausschüttung der NF anregt.
(Quelle: Trainingshandbuch für Patienten mit Multipler Sklerose; Christina Lutz, Stephanie Kersten, Christian T. Haas)

Natürlich solltet Ihr Sportarten oder sportliche Aktivitäten, die Ihr bereits vor der MS Erkrankung ausgeübt habt beibehalten und Ihr solltet Spaß am Training haben, denn wenn Ihr Freude am Training habt, dann bleibt ihr auch motiviert! Ich finde die Erkenntnis über die NF sollten uns motivieren Sport zu treiben und uns zu bewegen, denn es zeigt deutlich auf, dass Sport unseren Krankheitsverlauf positiv beeinflusst und sogar dafür sorgen kann, dass unser Körper neue Nerven bildet um die defekten Bahnen zu überbrücken!

Für mich war dieser Kurs sehr lehrreich und ich werde versuchen all die neuen Erkenntnisse mit euch zu teilen. Es war schön zu sehen, wie sich bei vielen bereits nach 4 Wochen Üben das Gangbild verbessert hat und eine der Teilnehmerinnen sogar ohne Rollator zum 2. Trainingswochenende erschienen ist.

Lasst es uns angehen – Ganz nach dem Motto “Use it or lose it!”

 

 

 

 

 

3 Kommentare zu “Sportliches Training bei MS”

  1. Hallo, ich trainiere alle zwei Tage 10 min. auf meinem Bellicon und bin sehr zufrieden damit. Es macht mir Spaß und ich überlege mir immer wieder neue Übungen, z.B. mit Gewichtsmanschetten. Ich habe es im Zimmer stehen, schlechtes Wetter gibt es also nicht lach
    LG Stellina

  2. Hallo,

    beim Joggen machten mir meine Knie Probleme, aber Krafttraining verstärkt wohl meine Stabilität und es macht auch immer ein gutes Gefühl.

    Martin

    1. Hallo Martin, Laufen ist prima für die Ausschüttung neurotropher Faktoren und somit für die Regeneration der Nerven. Vielleicht kannst du auf Walking umsteigen? Krafttraining ist super, das fördert deine Stabilität und hält dich hoffentlich lange fit! Wenn du es regelmäßig betreibst, solltest du auch mal eine Durststrecke z.B. durch einen KH Aufenthalt überstehen. Ich drück dir für deinen sportlichen Weg die Daumen!

      LG Jule

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.